Zivilcourage

 

Prof. Dr. Kurt Singer

Zivilcourage in der Schule – Eine demokratische Tugend lernen

Für mich waren die Schuljahre die schlimmsten meines Lebens,
wegen des ständigen Gefühls der Ohnmacht. Susanna Tamaro

 

1. Schule: Im Klima der Anpassung wächst keine Zivilcourage

 Für demokratisches Handeln ist Zivilcourage eine grundlegende Tugend. In der Schule können Kinder und Jugendliche besonders gut darauf vorbereitet werden. Hier verbringen sie einen großen Teil ihrer Lebenszeit und finden Bedingungen, unter denen sozialer Mut nicht nur gelernt, sondern praktisch angewandt werden kann. In meiner Beratungs-, Gruppen- und Seminararbeit mit Lehrern, Schülern und Eltern taucht immer wieder die Frage auf: Wie kann ich meine Eigen-Bewegung gegen den Zwang zur Anpassung bewahren? In der Schule ist wenig ziviler Mut anzutreffen. Dabei herrschen hier Bedingungen, die dazu herausfordern müssten, gegen den Strom zu schwimmen. Die unzureichende Qualität des Unterrichts wird in Schweigen gehüllt, abhängig machende Lehrmethoden werden beharrlich beibehalten, Lehrer, die ihre Macht missbrauchen, sind tabu.

Schülerinnen und Schüler trauen sich nicht aufzumucken,

wenn sie unzufrieden sind. Sie erleben fortwährend das Macht-Ungleichgewicht zwischen Lehrern und Schülern. Deshalb fürchten sie, Widerspruch könnte sich nachteilig auswirken. Sie sind abhängig, weil sie fortwährend zensiert werden, weil Lehrer vom Verweis bis zum Schulausschluss über eine Fülle von Strafmaßnahmen verfügen, weil manche Lehrer die Schüler durch ängstigendes Abfragen in Schach halten, sie mit Extemporalien erschrecken, ihr Vorrücken „gefährden“, sie mit Noten disziplinieren. Mit dem resignierten Satz: „Der Lehrer sitzt ja doch am längeren Hebel“ begründen Schüler ihren geringen Widerspruchsmut.

 Eltern halten ihre Kritik zurück und mischen sich nicht ein - Autoritätsangst

Manche drücken es so aus, als wären ihre Kinder „Geiseln“ in der Hand von Lehrern, deshalb dürfen sie sich nicht rühren: Die Schüler müssten es „büßen“, meinen sie, wenn sich Mütter und Väter kritisch äußerten. In Wirklichkeit ist es die Autoritätsangst, die Eltern den Mund verschließt. Zivilcourage gegenüber Lehrern ist selten anzutreffen; denn Schule ist der Ort, an dem bei vielen Menschen der Grund für Autoritätshörigkeit gelegt wurde. Die tief eingewurzelte Angst vor den „mächtigen“ Lehrern wird neu belebt, wenn Eltern mit den Lehrern ihrer Kinder reden und das Gefühl in ihnen aufsteigt, als säßen sie wieder auf der Schulbank. Manche Mütter und Väter nehmen aus dieser Autoritätsangst heraus die schützende Hand von den Kindern, wenn sie diese als „Schüler“ an die Schule „abgeben“.

 Lehrerinnen und Lehrer führen gehorsam aus, was vorgeschrieben ist,

 auch unpädagogische Vorschriften. Widerspruch kommt selten auf, er wird von Behörden bürokratisch zurückgewiesen. Der Gehorsam gegenüber den „Dienstherren“ spielt eine prägende Rolle. Lehrer halten sich an das, was angeordnet wird. In ihrer Mehrheit sind sie für Kritik von außen wenig offen. Diese wird schnell als „Lehrerschelte“ zurückgewiesen. Die PISA-Studie könnte pädagogisch engagierte Lehrer darin unterstützen, sofort mit sozialem Ungehorsam gegen die herrschenden unpädagogischen Bedingungen zu revoltieren: das lernstörende Zensurensystem, das unsoziale Selektionsprinzip, die fehlende Mitbestimmung von Schülern, der Mangel an demokratischen Strukturen im Schulalltag. Aber es fehlt an zivilem Mut, sich gegen fragwürdige Vorschriften zu wehren und als Minderheit in die Mehrheit hinein zu wirken.

 Schule, ein demokratiefreier Raum? – „Aufrechter Gang“ bei Lehrern

 Vor einigen Jahren besuchten bayerische Lehrer Schulen in Dänemark. Sie berichteten nach ihrer Rückkehr über das freiheitliche Klima, die kollegiale Zusammenarbeit und pädagogische Selbstverantwortung, die individualisierende Arbeit in Klassen von 15 - 20 Schülern, die Beurteilung des persönlichen Lernfortschritts von Kindern statt der Ziffernnoten, die praxisorientierte Weiterbildung. Eine Lehrerin meinte: „In dänischen Schulen gehen die Lehrer ganz anders als bei uns.“ Ich frage: „Wie meinen Sie das: die Lehrer gehen in Dänemark anders?“ – „Ja“, sagt sie, „wie die sich im Schulhaus bewegen, ist selbstverständlicher als in unseren Schulhäusern, irgendwie freier, da ist alles unverkrampfter, die gehen aufrechter.“

 Aufrechter Gang? Es gibt Bedingungen, die unterstützen die Eigen-Bewegung von Kindern und Lehrern. Da kann man, wie die Lehrerin meint, anders gehen, seinen aufrechten Gang bewahren. In deutschen Schulen ist das nicht selbstverständlich. Hier findet man die geduckte Haltung; denn Lehrerinnen und Lehrer lassen sich in Zwangssysteme fesseln. Schule ist weithin ein demokratiefreier Raum; darin fühlt sich allerdings ein Teil der Lehrer wohl. Denn in ihrem Berufsstand findet man leicht Charaktere, die autoritäre Züge aufweisen.

 Man kann nicht behaupten, Lehrer in ihrer Allgemeinheit seien von Merkmalen des autoritären Charakters geprägt. Aber viele dieser Charakterstruktur werden vom Lehrberuf angezogen und durch das obrigkeitliche Schulsystems in ihrer autoritären Haltung bestärkt. Gegenüber den Kindern sind Lehrer von vornherein überlegen. Da können autoritäre Persönlichkeiten ihrer Neigung freien Lauf lassen, andere zu zwingen. Gleichzeitig kommen die Unterordnungs-Strukturen des Schulsystems ihrem Sicherheitsbedürfnis entgegen: Als Untertan sind sie durch die mächtigen Vorgesetzten geschützt.

 2. Der autoritäre Charakter bei Lehrern: Beherrschen und sich unterwerfen

Menschen mit autoritärem Charakter wollen auf andere Macht ausüben und gleichzeitig den Machthabenden untertan sein. Sie streben danach, andere von sich abhängig zu machen – dazu eignen sich machtlose Kinder. Es kommt vor, dass Lehrer die Jugendlichen im Sinne Schwarzer Pädagogik beherrschen: „Wir meinen es mit den Schülern ja nur gut; sie werden uns später dankbar sein.“ In Wirklichkeit beherrschen sie die Kinder.

Zweifellos brauchen Lehrer „Erziehungs-Macht“, um eine Ordnung zu schaffen, in der Schüler gut lernen können. Da Lehrer kaum pädagogisch ausgebildet sind und sich unzureichend fortbilden, fühlen sie sich lernpsychologisch, didaktisch und schulpädagogisch wenig kompetent. In der Lehrer-Supervision beklagen sie, wie sie versucht sind, fehlende unterrichtliche Fähigkeiten durch Zwang auszugleichen und dabei ihre Macht zu missbrauchen.

Die Jugendlichen berichten, wie sich auf sie der autoritäre Charakter auswirkt. Sie leiden unter erniedrigenden Worten jener Lehrer, die sie mit missglückten Arbeiten bloßstellen, verächtlich machen, mit ironischen Bemerkungen kränken. Die gefürchteten Lehrer geben Noten öffentlich bekannt, rufen Schüler auf ohne dass sich diese zu Wort melden; Kinder werden einfach „drangenommen“. Solche Lehrer bedrohen Schüler mit schlechten Zensuren, überfallen sie mit unangekündigten Proben, lassen Schwache hilflos zurück. Sogar Begriffe aus der Foltersprache sprechen sie ungeniert aus: „Wenn ihr nicht pariert, muss ich die Notenschraube anziehen.“

 Schulangst von Kindern – eine ungünstige Voraussetzung für Zivilcourage

Vielerlei Schulbedingungen machen Schülern Angst; das ist keine förderliche Voraussetzung, Zivilcourage zu lernen. Es verletzt die Menschenwürde, Kinder in Furcht zu versetzen. Aber das ist in der Schuldiskussion kaum Thema, obwohl die furchtsame Unterordnung nicht nur den Charakter verbildet, sondern auch die Leistungsfähigkeit stört. Die Schulstrukturen selbst enthalten Elemente für korrekte Ängstigung, durch die Schüler „klein gemacht“ werden. Da kann sich sozialer Mut nicht entwickeln. Für manche Schüler verwirklicht sich Bertolt Brechts Gedicht:

Was an dir Berg war
Haben sie geschleift
Und dein Tal
Schüttete man zu
Über dich führt
Ein bequemer Weg.

Beherrschen ist die eine Seite des autoritären Charakters. Die andere ist die Neigung zu untertänigem Gehorsam. Lehrer mit autoritärem Charakter unterwerfen sich auch sinnlosen Anordnungen.

Behördliche Reglementierung und Selbstentmündigung der Lehrer

Die Gehorsamsbereitschaft entspringt nicht nur der Entmündigung durch die Behörden; mehr noch ist sie Selbstentmündigung. Bei einer Untersuchung von H. Walter über junge Lehrer zeigte sich, was mir in jahrzehntelanger Supervision und Seminararbeit mit Lehrern bis heute begegnet: Die überzogene Anpassung lässt Züge sozialer Selbstdeformation erkennen. Während eines Schulratsbesuch hat ein Großteil der Lehrer nicht den Mut, sich gegen eine falsche Beschuldigung zu wehren. 79 % der Junglehrer geben angepasstes Verhalten an. Nur 19 % riskieren, ihre eigene Überzeugung auszudrücken. 75 % der Junglehrer beteuerten, ihre Wunschreaktion wäre, mutiger zu sein. Sie würden gern ihre persönliche Meinung sagen, wenn dem nicht äußere Zwänge entgegen stünden. Es ist wie bei Karl Valentin: „Mögen hätten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“ Das Thema „Autoritätshörigkeit“ ist bei der psychologisch-pädagogischen Arbeit in Lehrergruppen oft vordringlicher, als die Konfliktregelung mit Kindern.

Manche Lehrer denken vor allem darüber nach: Was will der Direktor sehen, der Schulrat hören, was muss ich dem Fachbetreuer demonstrieren? Sie versuchen, sich in die Wünsche des Vorgesetzten einzudenken, sich selbst geben sie auf. Viele verlieren ihren pädagogischen Antrieb nicht erst durch Druck von oben. Sie opfern sich, wie unwillkürlich auch immer, von vorn herein freiwillig einer Obrigkeit, die sie noch gar nicht auf die Probe gestellt haben. Schon Andeutungen der Vorgesetzten genügen, um autoritätsängstliche Lehrer von den Wegen abzulenken, die einzuschlagen sie selbst für gut befunden hatten. Manche gewöhnen sich dabei ihre pädagogische Fühlfähigkeit ab.

 Schüler „nach Vorschrift“ unpädagogisch behandeln? – Autoritätshörigkeit

 Lehrer müssen Kindern die Freundschaft aufkündigen und den Weisungen entsprechend „Schocks“ durch unangesagte Prüfungen erteilen, statt Kinder vor Schocks zu bewahren, damit sie besser lernen können.

  • Sie müssen Schüler ständig zu bewerteten Menschen machen – „Bin ich gut genug?“ - statt sie in ihrem Eigenwert als einmalige Person zu respektieren.
  • Sie müssen die Schüler durch plötzliches Aufrufen erschrecken oder gar an die Tafel stellen, um mündliche Noten zu machen, statt ihnen die Sicherheit zu geben, vom Lehrer niemals blamiert zu werden.
  • Sie müssen gegen ihre psychologische Einsicht kleine Kinder durch die institutionalisierte Lieblosigkeit der schlechten Zensuren einer Entmutigungsdidaktik aussetzen, statt sie durch das Erlebnis des individuellen Lernfortschritts zu ermutigen.
  • Sie müssen die organisierte Demütigung der Schwachen praktizieren, um einem erbarmungslosen Ausleseprinzip zu folgen, statt die Kinder individuell zu fördern und nicht an anderen zu messen.
  • Sie müssen „schlechte“ Schüler, Schwache, Ausländerkinder demütigen, indem sie diese „gerecht“ benoten und mit dieser fürchterlichen Gerechtigkeit deren Selbstwertgefühl schädigen, statt es durch Fürsorge zu stärken.
  • Sie müssen hunderttausend überforderte Kinder „sitzen bleiben lassen“, das heißt: sie lassen Kinder sitzen, statt sie aufzufangen und ihnen zu helfen, Lernkrisen zu überwinden.
  • Sie müssen auf Grund eines ökonomischen, konkurrenzorientierten Leistungsprinzips Kinder unter Leistungsdruck setzen, statt ihnen durch ein pädagogisches Leistungsverständnis das Recht auf individuelle Lern-Entwicklung zuzugestehen und ihnen durch die erreichbare Leistung Erfolg zu ermöglichen.

 Mancher Lehrer begeht dadurch Unrecht, dass er streng das Vorgeschriebene befolgt.

 3. Ein Erziehungs- und Unterrichtsziel: In der Schule Zivilcourage lernen

In der Regel lernen Schüler Zivilcourage nicht in der Schule – allenfalls trotz der Schule. Dabei hätten Lehrerinnen und Lehrer so viele Möglichkeiten, sozialen Mut zu wecken. Am wirksamsten können sie zivilen Mut unterstützen, wenn sie das Selbstwertgefühl der jungen Menschen stärken und sie für humanen Handelns begeistern. Der eigene Sinn der Schülerinnen und Schüler soll akzeptiert, statt als Eigensinn zurück gewiesen werden. Kinder brauchen die Chance, ein sich selbst beschützendes Nein auszusprechen. Lehrerinnen und Lehrer sollten sich fragen:

Dürfen die Jugendlichen in einem Klima der Anerkennung und Achtsamkeit lernen? Werden in allen Unterrichtsfächern humane Tugenden nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt? Erfahren die Schüler ethisch wertvolles Handeln nicht nur im Fach „Ethik“, sondern als angewandte Ethik im Unterrichtsalltag?

  • Orientiert sich das tägliche Zusammenleben im Schulzimmer an menschlichen Grundwerten: an Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Einsicht, Besonnenheit, Selbstbeherrschung, Redlichkeit, Toleranz und Kooperation? Nicht nur als Themen in Religion, Sozialkunde oder im Literaturunterricht, sondern auch in Mathematik und jedem anderen Fach?
  • Ohne Gehorsam lernen Kinder nicht realitätsgerecht handeln, aber: Welche meiner Gehorsamsforderungen machen Schülern einsichtig, weshalb sie gehorchen sollen? Wie führe ich die Jugendlichen zu sehendem Gehorsam? Erkennender Gehorsam schließt auch Widerspruch und werterfüllten Ungehorsam ein.
  • Sollten wir ein „freches Nachmaulen“ als Schritt zum Mündig-Werden ansehen und uns damit auseinander setzen? Kann ich mich darüber freuen, wenn ein Schüler aus eigenständiger Entscheidung heraus nicht „folgt“ – und kann ich ihm sagen, dass ich seinen Widerspruch akzeptiere? Wann habe ich einer Jugendlichen zum letzten Mal anerkennend zugestimmt, weil sie ungehorsam war?
  • Erleben die Schüler an mir selbst einsichtigen Gehorsam und vernünftigen Ungehorsam, wenn es zum Beispiel darum geht, Schulumstände zu schaffen, in denen Kinder gut lernen können und es dazu notwendig ist, sich bürokratischen Vorschriften zu widersetzen, die das Lernen behindern?

 Ein Schüler verteidigt das Recht, vom Lehrer anständig behandelt zu werden

 Meist können sich Kinder und Jugendliche nicht wehren, wenn ihre Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Benno wagte zu widersprechen, als der Lehrer die Klasse beleidigte. Seine Eltern sahen Widerspruchsmut als Tugend an; sie unterstützten den Jungen, zum Unrecht Nein zu sagen. Mathematikstunde: Der Lehrer erklärt eine Aufgabe, den Schülern fällt es schwer, den Rechenweg zu begreifen. Ungeduldig schreit Herr H. die Klasse an: „Das ist ja furchtbar, wie begriffsstutzig ihr seid; sitzen denn lauter Hornochsen vor mir?“ – Stille in der Klasse. Dann nimmt sich Benno empört das Wort: „Wir sind nicht begriffsstutzig und keine Hornochsen; vielleicht erklären Sie zu unverständlich. Ich finde es taktlos, uns so runterzumachen.“ Verlegenes Staunen beim Lehrer, heimliche Zustimmung bei den Mitschülern. In allen wirkte die mutige Gegenrede des Jugendlichen nach; er zeigte sozialen Mut. Andere so zu beleidigen wie seine Schüler, würde sich der Lehrer gegenüber Erwachsenen nie erlauben. In der Schule muss er keine Konsequenz befürchten, wenn er sich taktlos verhält.

Schüler als ebenbürtig behandeln – Auch ihre Würde ist unantastbar

Bennos Zivilcourage hatte ein Nachspiel: Der Lehrer fasste sich ein Herz und entschuldigte sich bei den Schülern wegen der Beleidigung. Es kam zum Gespräch zwischen ihm, Benno und der Klasse: über Unzufriedenheit, Wünsche, und darüber, wie sie gemeinsam das Unterrichtsklima verbessern könnten. Der Jugendliche regte durch seinen Einspruch den Studienrat an, sich als Lehrer auch von den Schülern her zu sehen. Benno zeigte Konfliktfähigkeit, denn er schwieg nicht zur Untat, sondern setzte sich zur Wehr, für sich und die Mitschüler. Aus der verletzenden Situation wuchs Freundlichkeit, denn der Lehrer war bereit, den Kindern zuzuhören und sein niedermachendes Benehmen einzusehen. Er erwies sich als schlechtes Vorbild, weil er die Schüler würdelos behandelte. Er gab ein gutes Beispiel, denn er gestand die Achtlosigkeit ein und bat um Nachsicht. Dass er bereit zu Selbstkritik war, regte auch die Schüler zur Selbstkritik an. Sie erlebten, dass sie mit der Tugend der Zivilcourage etwas bewirkten.

Beleidigungen wie die Beschimpfung der Jugendlichen durch den Mathematiklehrer verletzen die persönliche Würde der Heranwachsenden. Das wird erkennbar, wenn wir den ehrabschneidenden Lehrertadel umkehren: Wenn der Schüler Benno den Lehrer anschreien würde: „Das ist ja furchtbar, wie begriffsstutzig Sie sind, total unfähig, uns die Algebra-Aufgabe zu erklären. Haben wir denn einen Hornochsen vor uns oder einen Mathematiklehrer?“ – In dieser Umkehr können wir prüfen, ob Lehrer taktvoll mit Schülern und ob Schüler taktvoll mit Lehrern umgehen. Der zivilcouragierte Jugendliche und sein zu Selbstreflexion bereiter Lehrer wagten den „Bruch mit der Gleichgültigkeit“, den jedes sozial mutige Handeln kennzeichnet.

 „Thema verfehlt!“, vom Schüler oder vom Lehrer? – Mitbestimmung

Damit Kinder in der Schule Zivilcourage lernen, muss Kritik erwünscht sein, auch wenn sie sich gegen Lehrer und Lehrplan richtet. Die Jugendlichen sollten in ihrem Denken „aus der Reihe tanzen“, sie sollten in Rede und Schrift ihre Meinung ausdrücken. Sie sollten Freude verspüren, mit ihrer eigenen Intelligenz lustvoll in Beziehung zu treten, nicht nur mit der des Lehrers. Manchmal steht unter dem Aufsatz „Thema verfehlt, Note 6“. Dabei hat die Schülerin ihr Thema gefunden; in Wirklichkeit verfehlte der Lehrer das Thema; denn er traf nicht die Lebensthematik, zu der diese Schülerin etwas auszusagen hat. Der Grundsatz allen Sprechens und Schreibens lautet: „Der Mensch muss etwas zu sagen haben.“ Schülerinnen und Schüler entwickeln Mut, sich offen auseinander zu setzen, wenn sie schreiben dürfen, was sie erlebten, wenn sie berichten können, wovon sie Kenntnis haben, wenn sie erörtern dürfen, was ihr Denken bewegt, wenn sie beobachten und darüber schreiben dürfen, was sie interessiert, wenn sie ausmalen dürfen, was ihre Fantasie bewegt. So lernen sie am besten Schreiben – und werden gleichzeitig selbständig und zivilcouragiert.

Oft äußern die Schüler ihre eigene Meinung nicht, weil sie sich um der Note willen darauf konzentrieren, das zu schreiben, was der Lehrer lesen will. Mit der Zeit wissen sie nicht mehr, dass sie eine eigene Meinung haben. Unterricht wird zur Schule der Anpassung, er sollte jedoch eine Schule des freien Wortes und sozialen Mutes werden. Schule kann sozialen Mut fördern: durch freien Unterricht, entdeckendes Lernen, Partner- und Gruppenarbeit, Kreisgespräch und Diskussion, Projektunterricht und freien Aufsatz, Lehrerkritik und Selbstkritik; all das stärkt das Ich.

Kinder und Jugendliche sollten in der Schule von früh an Einfluss nehmen und etwas bewirken. Nur wenn sie bei allem was sie angeht, mit entscheiden dürfen, fühlen sie sich später im politischen Handeln nicht ohnmächtig: Mitbestimmen bei den Formen des Unterrichts, mitsprechen, wenn Lerninhalte ausgewählt oder Regeln des Zusammenlebens aufgestellt werden. Lehrer brauchen natürlicherweise Erziehungs-Macht, denn es gibt keine Erziehung ohne Zwang zu guten Gewohnheiten; die erleichtern das Zusammenleben und helfen, die als bedeutsam erkannten Werte einzuüben. Aber Gehorsamsforderung und Zwang dürfen nicht gleichbedeutend damit sein, Kinder zu unterdrücken und zu entwerten.

Kritikfähigkeit: Kinder können als „Experten“ den Unterricht beurteilen

Schüler müssen mit ihrer Meinung und ihren Anliegen gehört werden: Lehrerinnen und Lehrer fragen die Jugendlichen, wie sie ihre Lehrer sehen, den Unterricht erleben und was sie gern anders hätten, so wie umgekehrt auch Lehrerinnen und Lehrer ihre Sicht dazu mitteilen. Das kann durch Kreisgespräche geschehen, durch mündliche Befragung, schriftlich auszufüllende Fragebogen, Briefe an den Lehrer, persönliche Gespräche: Freust du dich auf den nächsten Schultag? Hast du Angst vor bestimmten Unterrichtssituationen? Geht die Lehrerin freundlich mit dir um? Spricht der Lehrer ein persönliches Wort mit dir? Findest du den Unterricht interessant? Bist du sicher, niemals ausgelacht oder bloß gestellt zu werden? Bemüht sich die Lehrerin, gut zu erklären? Traust du dich zu fragen, wenn du etwas nicht verstehst – und hört dir der Lehrer zu? - Bei solchen Fragen üben die Schüler Kritikfähigkeit. Dazu gehört auch, dass Klasse und Lehrer überlegen, wie man kritisiert ohne zu verletzen, wie man die Kritikpunkte findet, die für das partnerschaftliche Zusammenleben förderlich sind, wie man von der Kritik fortschreitet zu produktivem Handeln. Lehrer können dabei von den Schülern lernen; denn Kinder und Jugendliche machen täglich Erfahrungen darin, wie sie im Unterricht gut lernen können oder was ihnen die Freude am Lernen vergällt. Die Schüler entdecken, dass Kritik auch Selbstkritik einschließen sollte. Es wird ihnen möglich, aus vermeintlicher Ohnmacht herauszutreten und etwas zu verändern.

 4. „Nein“ zur pädagogischen Unvernunft bürokratischer Vorschriften

 Das Schulsystem enthält zahlreiche unpädagogische Bestimmungen. Da müssen Lehrer zivilcouragiert sein, um pädagogisch handeln zu können. Herr Frey widersetzte sich der Vorschrift, in seiner Klasse Noten nach der Normalverteilung zu vergeben: sehr wenig Einser, etwas mehr Zweier, viele Dreier und Vierer, wenig Fünfer, noch weniger Sechser. Dieser Anweisung nach muss er - entgegen aller Pädagogik - „Schlechte herstellen“. Er muss Kindern Unrecht tun, damit die bürokratische „Normalverteilung“ stimmt. Noten so zu verteilen ist absolut widersinnig, denn das wissenschaftliche Zufallsgesetz der Normalverteilung gilt nicht für den Unterricht, weil Unterricht kein Zufallsgeschehen ist. Außerdem trifft die Wahrscheinlichkeitsverteilung nach der Gauß’schen Glockenkurve, nicht für zwanzig oder dreißig Kinder zu, und nicht für eine geistige Leistung.

 Weshalb genieren sich intelligente Menschen nicht, sich ein so unvernünftiges, für Kinder schädliches Handeln vorschreiben zu lassen? Sie müssen ihren Verstand ausschalten, um die Gehorsamsleistung zu vollbringen. Das „Hirnlose“, das sich Lehrer an vielen Schulen bei dieser Zensurenverteilung zumuten lassen, erinnert an eine Mitteilung der Expertin für Bio-Ethik Christiane von Weizsäcker. Sie spricht von der bedrückenden Vorstellung, das Experiment eines Neurophysiologen könnte sich auch für die menschliche Gesellschaft als gültig erweisen.

„Hirnamputierten“ Befehlsgebern folgen? Dem Obrigkeitsdruck standhalten

 „ Der Forscher untersuchte das Schwarmverhalten von Fischen. Dazu nahm er aus einem Fischschwarm einen Fisch und unterbrach in ihm die Verbindung zum Großhirn. Er wollte sehen, ob der gehirnamputierte Fisch sich noch im Schwarm halten kann. Was geschah? Dieser Fisch, frei von Mitwelt-Wahrnehmung, ohne Rücksicht und Vorsicht, schwamm ungebremst ziellos in schnellem Zickzack umher – und: der ganze Schwarm folgte ihm! Sein unvernünftiges Verhalten machte, so könnte man denken, auf den Schwarm den Eindruck, er wisse, wo’s lang geht. Wenn ich mir unsere Gesellschaft anschaue, kommt mir immer häufiger der Verdacht, die Mehrheit folgt denen mit amputierter eingeschränkter Wahrnehmung.“

Lehrer Frey wollte jenen „mit amputierter eingeschränkter Wahrnehmung“ nicht mehr „folgen“. Er wehrte sich gegen die Vorschrift, Kinder in bürokratischer Willkür zu „Schlechten“ zu machen. Der Lehrer arbeitete gerade am Unterrichtsprojekt „Unser Wald“ und begeisterte die Schüler für naturkundliches Denken. Auf Unterrichtsgängen beobachteten die Schüler Tiere, experimentierten und mikroskopierten. In Gruppen wählten sie Themen wie „Der Ameisenstaat“, „Die Vögel des Waldes“, „Das Waldsterben“, „Was Wälder für das Klima bedeuten“ und andere interessante Problemstellungen.

Die Jugendlichen sprachen mit Fachleuten und holten diese ins Klassenzimmer, zum Beispiel eine Schülermutter, die in einer Initiative zum Schutz der tropischen Regenwälder mitarbeitete; sie machten mit dem Förster einen Waldpfadgang, besuchten Sägewerk und Papierfabrik. Am Ende ordneten sie das Gelernte und hielten Niederschriften, Interviews und Schaubilder auf Plakaten und in Arbeitsmappen fest. Für die Prüfung dachten sich Lehrer und Schüler gemeinsam Fragen aus. Der Lehrer fragte nicht nur nach dem Grundwissen, sondern stellte auch offene Aufgaben, in denen die Schüler zeigen konnten, was sie persönlich gelernt haben, gleichsam als „Spezialisten“.

 Gute Leistung verboten? Ohne Ungehorsam kein demokratischer Fortschritt

Logischerweise, nämlich lernpsychologischerweise, schrieben die Jugendlichen nach diesem einprägsamen Projekt kenntnisreiche Arbeiten und ernteten dafür gute Noten. Sie freuten sich mit dem Lehrer über ihren Wissenszuwachs. Herr F. musste sich jedoch wegen der guten Schülerleistung rechtfertigen: der Notendurchschnitt sei zu gut, er müsse die Zensuren zum Schlechteren hin korrigieren. Dieser Anordnung des Schulleiters widersetzte er sich. Aber es ängstige ihn, im Kollegium aus der Reihe zu tanzen und Sympathien zu verlieren. So deformiert ist das Denken durch ein unpädagogisches Leistungsprinzip: Niemand freute sich über das Können der Schüler und interessierte sich dafür, wie es dazu kam.

Der verweigernde Lehrer machte sich sachkundig und referierte über das Unrecht, das Schülern durch die „Normalverteilung“ widerfährt, besonders den Schwachen. Er regte das Kollegium zum Nachdenken an, das hatte Folgen; auch andere Lehrer fanden die Regelung der Normalverteilung problematisch. Es wurde vereinbart: Künftig sollte kein Lehrer in seiner pädagogischen Verantwortung für die Zensurengebung eingeschränkt werden. Herrn Freys Tabu-Bruch brachte Denkbewegung ins Kollegium. Ohne sozialen Ungehorsam gibt es keinen Fortschritt, auch keinen pädagogischen. Der widerspruchsmutige Lehrer widerstand der Gefahr, sich in einer lernpsychologisch widersinnigen Gewohnheit einzurichten und damit sich selbst zu deformieren. Er wollte das immerfort Vorkommende nicht für natürlich halten.

 5. Kinder stark machen für Demokratie – Zivilcourage fördern

Zivilcourage ist keine Verhaltensweise, sondern eine Tugend: eine Gesinnung und Kraft, die darauf gerichtet ist, moralische Werte zu verwirklichen. In dem Bestreben, Kinder für Demokratie stark zu machen, gibt es viele Wege, zivilen Mut zu fördern.

 Schüler in ihrem Selbstwert stärken – Jugendliche nicht herabsetzen

Vor allem brauchen Schüler Zustimmung zu ihrer Person, um sich als wertvoll zu erleben. Das Interesse des Lehrers für die Jugendlichen als Person, nicht nur als Schüler, zeigt ihnen, dass sie wichtig sind. Lehrer können schimpfen, tadeln, ärgerlich oder zornig sein, zurechtweisen oder strafen. Zum Schutz des kindlichen Selbstwertgefühls sollte jedoch als pädagogischer Imperativ gelten: Lehrer dürfen Schüler nicht erniedrigen, nicht seelisch verletzen oder „fertig machen“, wie die Jugendlichen sagen. Dazu gehört: Kinder niemals zu demütigen, sie nicht zu ignorieren, sie nicht mit ironischen Bemerkungen zu kränken.

 Schüler sollten von Lehrerinnen und Lehrern und von ihren Eltern ermutigt werden, nicht hinzunehmen, wenn sie sich geringschätzig behandelt fühlen, sondern darüber zu sprechen. Und umgekehrt dürfen Lehrer erwarten, von Schülern anständig behandelt zu werden. Dadurch wird beiden Seiten bewusst, was hilfreiche Tugenden im schulischen Zusammenleben sind. Um zivilcouragiert zu werden, müssen Kinder gute Erfahrungen mit dem „Nein sagen“ machen. Es stärkt ihren Mut zum Widerspruch, wenn sie erfahren, dass ihr selbst beschützendes Nein akzeptiert wird. Ihr Einspruch wird nicht von vornherein zurück gewiesen, sondern Anlass, sich damit auseinander zu setzen.

 Soziale Tugenden nicht nur lernen, sondern „erfahren“ – Angewandte Ethik

Achtsam miteinander umgehen, Rücksicht nehmen, die Meinung des anderen ernst nehmen, einander unterstützen. Kinder und Jugendliche werden ermutigt, ihr Handeln nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne nur darauf zu schauen, was andere vorschreiben. Die Erwachsenen sollten Schüler darin bestärken, Wertvorstellungen zur Überzeugung zu machen. Normen müssen nicht nur gelernt, sondern erfahren, und immer wieder durch Kritik und Selbstkritik bewusst gemacht werden.

 Um die Eigenschaft des Bürgermuts zu stärken, sollten Lehrer die Fähigkeit unterstützen, sich in andere einzufühlen: zum einen durch Unterweisung im Literaturunterricht, Ethikunterricht, Religionsunterricht, Sozialkundeunterricht und in anderen Fächern. Zum Ethikunterricht muss allerdings als „Kontrolle“ des Gelernten die angewandte Ethik kommen: Schüler leben und erleben praktisch, was zum Beispiel der achtungsvolle Umgang mit anderen Menschen in der Unterrichtsarbeit bedeutet.

 Lehrerinnen und Lehrer als Vorbild für zivilen Mut

Jugendlichen müssen erfahren, den Mitschülern die „anders” sind, mit Toleranz zu begegnen: „Schwachen“ in der Klasse, Ausländern, Kindern mit Besonderheiten. Dabei ist das partnerschaftliche, rücksichtsvolle und zivilcouragierte Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern Vorbild. Das macht es Kindern möglich, sich mit dem positiven Lehrerverhalten zu identifizieren. Zum Beispiel wenn ihre Lehrerin entgegen amtlicher Vorschrift gemeinsam mit der Klasse an einer Protestveranstaltung gegen den Irak-Krieg teil nimmt. Sie übte mit den Schülern Friedenslieder ein, ließ Spruchbänder bemalen und ging im Demonstrationszug mit. Weil sie durch diese Friedensaktivität gegen die Schulordnung verstieß, wurde sie dienstlich ermahnt – und war zufrieden mit diesem „Verweis“. Sie wollte nicht nur theoretisch im Geschichts- und Ethikunterricht aufzeigen, wie überlebenswichtig es für die Menschheit ist, den Krieg abzuschaffen, sondern praktisch gegen den Krieg aufstehen.

Einsichtigen Gehorsam und sozialen Ungehorsam lernen

Gehorsam muss Schüler ich-stark machen und ihren Realitätssinn schärfen. Dazu brauchen sie eine ruhige, freundliche Führung durch Lehrerinnen und Lehrer. Diese fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Wo die Einsicht altersbedingt noch nicht vorhanden ist, muss sich das Kind ohne sie der Realität anpassen, um nicht gefährdet zu sein. Die Einsicht in diese Notwendigkeit kann in bestimmten Lebensbereichen erst später geweckt werden. Aber Ziel der Gehorsamerziehung ist, dass Gehorchen zur wertgerichteten Entscheidung wird. Erkennender Gehorsam schließt ein, den Befehl zu verweigern, wenn er gegen menschliche Grundwerte verstößt. Ungehorsam wird ernst genommen, auch wenn er von den Erwachsenen nicht akzeptiert werden kann. Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen und setzen sich mit Kindern über wertvolles Handeln auseinander.

 Durch politische Schülerbeauftragte die Grundrechte der Schüler schützen

Bei Gruppen abhängiger Bürger wachen Bundesbeauftragte darüber, dass demokratische Rechte eingehalten werden: Wehrbeauftragte für Soldaten, Frauenbeauftragte für Frauen, Ausländerbeauftragte für ausländische Bürger. „Kinderbeauftragte“, wo es sie gibt, kümmern sich selten um schulische Belange. Auch von ihnen wird meistens das Tabu befolgt, Lehrer nicht zu kritisieren. Schülerinnen und Schüler sind in einer besonders abhängigen Stellung; sie bräuchten „Treuhänder“, Ombudsmann oder Ombudsfrau, die ihre grundgesetzlichen Rechte gegenüber den Behörden schützen.

Dazu gehört, dass Schülern Rechtsschutz gewährt wird. Lehrer haben Rechtsschutz durch Berufsverband, Anstellungsbehörde und oft noch privat. Schüler brauchen in ihrer schwachen Position dringend Einrichtungen, die sie juristisch beraten und ihnen beistehen, wenn sie rechtswidrig behandelt werden. Den Schülern müssen Wege eröffnet werden, seelischer Gewalt von Lehrern auszuweichen: durch Lehrerwechsel, Schulwechsel, Lehrerwahl. Wenn nötig, sollten sie zum Schutz ihrer Persönlichkeit kostenfreien Rechtsschutz bekommen. Neutrale Stellen für Beratung und Hilfe sollen Schülerinnen und Schüler in Konfliktsituationen zur Seite stehen: Einrichtungen wie Kontakt-Telefon, unabhängige Schülerberatung, psychosoziale Betreuung.

 Viele Jugendliche sind „passive Demokraten“ - Zu Engagement ermutigen

Nach der Shell-Studie „Jugend 2002“ nimmt die junge Generation große Distanz gegenüber der Politik ein. Nicht einmal jeder dritte Jugendliche interessiert sich ernsthaft dafür. Zwar sind die jungen Menschen überzeugte Demokraten, aber passive. „Politik wird nicht als etwas Verpflichtendes und Notwendiges für die Lebensgestaltung angesehen, sondern als etwas Selbstverständliches und deswegen teilweise auch Nebensächliches, um das man sich im Alltag nicht immer ausdrücklich kümmern kann und muss.“ Offenbar erkennen Jugendliche zu wenig, dass es sich um ihr Leben handelt, das durch Politik gestaltet wird. Müssten sie nicht darüber erschrecken, wie bedroht ihre Zukunft ist: Durch die Kriege, von Menschen gemachten Klimakatastrophen, gefährliche globale Konflikte, mögliche atomare Unfälle und ökologische Gefahren; durch wirtschaftliche Krisen.

Junge Menschen – das legt die Studie nahe – müsste man ermutigen, aktive Demokraten zu werden. Politische Bildung im Unterricht kann dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler ihr Gefühl der Ohnmacht überwinden. Durch interessanten Politik-Unterricht werden sie motiviert, aktiv einzugreifen, statt zu zögern und still zu halten. Die Schule muss ein ermutigendes Klima für kritisches und sozial verantwortliches Handeln schaffen und politische Basiskompetenzen entwickeln: grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten, „die in modernen Gesellschaften für eine befriedigende Lebensführung in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht, sowie für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben notwendig sind“ (PISA-Studie).

 Aktuelle Politik gehört in die Schule

Der Lehrplan darf nicht verhindern, das zum Thema zu machen, was Bürger in der Politik jetzt bewegt. Weshalb sollen Gymnasiasten die Punischen Kriege „durchnehmen“, während der Krieg im Irak tobt? Die Zwölfjährigen müssen für die nächste Kurzprüfung lernen, wie Hannibal den Ebro und die Alpen überschritt und „die römischen Heere vernichtete“. Aber im Schulbuch wird nicht gefragt: Wurde nur „Karthago vernichtet“, oder kamen dabei auch Menschen zu Tode? Wie ging es den Kindern im Krieg? Wie lebten die Familien im zerstörten Karthago? Wie sah das Leben der Frauen aus, während ihre Männer Schlachten schlagen mussten?

Wenn jemand Gründe findet, im sechsten Schülerjahrgang den Kindern die Punischen Kriege „einzutrichtern“, müssten diese wenigstens mit dem aktuellen Krieg verknüpft werden. So, dass die Schüler statt nur auswendig, inwendig denken lernen: Wie entstanden die Konflikte zwischen Römern und Karthagern, und wie entstehen Kriege heute? Was bedeutete der Punische Krieg für das Leben der Menschen und wie geht es jenen beim amerikanischen Überfall auf den Irak? Hätte man die Kriege vor zwei Jahrtausenden und den heutigen durch vernünftige Regelung vermeiden können? Was sagen die Friedensforscher dazu? Welche Rolle spielte damals und heute das Machtdenken? Und die Habgier? Fänden wir Schüler humanere Möglichkeiten als die Politiker? Welche Konsequenzen ziehen wir aus dem geschichtlichen Wissen und den aktuellen Erfahrungen für unsere aktive Teilnahme am politischen Geschehen?

Wenn die Schüler das Wissen unmittelbar mit ihrem jetzigen Leben verknüpfen, dann lernen sie dabei nachhaltig etwas für ihr gesellschaftliches Handeln. Ansonsten sind die Punischen Kriege allenfalls ein Krieg gegen die Schüler – für die nächste Prüfung, um nach dem Extemporale den Feldherrn Scipio den Älteren in psychohygienischem Selbstschutz wieder aus dem Gedächtnis auszuscheiden.

 Demokratie als Methode im Unterricht – Von Betroffenen zu Beteiligten

An allem, was die Schüler betrifft, sollten sie mit entscheiden. Demokratische Strukturen können nicht „aufgesetzt“, sondern müssen verstanden und praktiziert werden. Dazu gehört, die Rechte der Schüler zu lernen, die Aufgaben des Klassensprechers, wie man seine Wahl vorbereitet und seine Arbeit verfolgt, wie die Beziehung zwischen gewähltem Klassensprecher und der Klasse produktiv werden kann. Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler darf nicht nur Demokratie-Spielerei sein, sondern muss wirkliche Interessen der Schüler treffen.

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann schlägt als Konsequenz aus der Politikverdrossenheit vor, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. Die Schüler verstehen in diesem Alter, wie sich die Parlamente zusammensetzen, welche Arbeit Politiker verrichten, wie Gesetze gemacht werden und wie politische Entscheidungen zustande kommen. In der Schule würde Hurrelmann parallel zu politischen Wahlen in der Schule ebenfalls Wahlen durchführen, damit die Jugendlichen Politik unmittelbar erleben.

 6. Zivilcourage als Unterrichtsthema – Über Bürgerinitiativen lernen

Das kann an Hand geschichtlicher Beispiele und aktueller Ereignisse, im Literatur-, Religions- und Ethikunterricht, an großen Vorbildern, in Unterrichtsprojekten geschehen. Sozialer Mut darf nicht eingeschränkt werden auf Not- und Gefahrensituationen oder im Blick auf fremdenfeindliche oder rassistische Gewalt. Vielmehr sollten sie die Jugendlichen als Element demokratischen Handelns erleben: wie man sozialen Mut im Alltag zeigt und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, für humane Werte einzutreten, auch wenn man damit ein Risiko eingeht. Sie können auch im Rollenspiel einüben, die eigene Meinung kund zu tun, gewaltfreies Verhalten zu praktizieren.

Schüler sollten sich insbesondere über Bürgerinitiativen informieren: wie sie entstehen und welche Rolle sie im politischen und gesellschaftlichen Leben spielen: In den Medien wird wiederholt von Attac berichtet, was will diese Bewegung, wie ist sie entstanden, und wie engagiert sie sich für eine bessere Welt? – Was ist das Anliegen von Greenpeace? Wie tritt diese Bürgerinitiative für den Schutz der Umwelt ein, was sind ihre Aktionsformen? - Wie verteidigt Amnesty international die Menschenrechte für Bürger, die politisch verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder zum Tode verurteilt werden? – Was bezwecken Friedensinitiativen? Können sie dazu beitragen, Kriege zu verhindern? Was ist Pazifismus und welche bedeutenden Persönlichkeiten haben sich in Vergangenheit und Gegenwart dafür eingesetzt? – Weshalb gibt es Bürgerinitiativen gegen Mobilfunk-Antennen? – Wie versuchen Bürgerrechtsbewegungen demokratische Rechte durchzusetzen? – Was versuchen der Bund für Umwelt und Naturschutz oder der Deutsche Naturschutzring, damit die natürliche Mitwelt der Menschen geschont wird und erhalten bleibt? - Welche Initiativen gibt es an unserem Ort, an welcher könnten wir uns beteiligen? – Wie könnten wir als Klassengemeinschaft eine Initiative für eine „bessere Welt“ im Kleinen praktizieren? – Mit welchen Initiativen können wir Schule und Unterricht verbessern? – Kann Zivilcourage Berge versetzen? Erich Kästner antwortet:

Die Erde soll früher einmal
ein Paradies gewesen sein.
Möglich ist alles.
Die Erde könnte wieder
ein Paradies werden.
Alles ist möglich.

 


 Dieser Aufsatz ist erschienen in: Meyer, Gerd (Hrsg.): Zivilcourage lernen. Analysen, Modelle, Arbeitshilfen (2004)

Literaturverzeichnis:

 Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt am Main 1975

 Deutsche Shell (Hrsg.): „Jugend 2002“. Frankfurt am Main 2002

 Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basis-Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen 2000

 Meyer, Gerd / Hermann, Angela.: „...normalerweise hätt' da schon jemand eingreifen müssen.” Zivilcourage im Alltag von Berufsschülern. Schwalbach/Taunus 1999

Singer, Kurt: Lehrer-Schüler-Konflikte gewaltfrei regeln. Weinheim 1995

 Singer, Kurt: Die Würde des Schülers ist antastbar. Vom Alltag in unseren Schulen und wie wir ihn verändern können. Reinbek 1998

 Singer, Kurt: Wenn Schule krank macht. Wie macht sie gesund und lernbereit? Weinheim 2000

 Singer, Kurt: Zivilcourage wagen – Wie man lernt, sich einzumischen. München 2003

 Walter, H.: Junge Lehrer. Untersuchung über berufliche Schwierigkeiten und sozialpsychologische Probleme. In „Der Junglehrer“, Würzburg 1980

 

Quelle: http://www.prof-kurt-singer.de/

 

 

 

 
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