Die Vorteile einer Schule für alle

 

Die Vorteile einer Schule für alle

 

Um zu wissen, dass das Lernen so unterschiedlicher Schüler und Schülerinnen in „einer Schule für alle“ gut ist und tatsächlich funktioniert, müssen wir nicht unbedingt auf positive Erfahrungen im Ausland zurückgreifen. Wir haben selber in Deutschland positive Erfahrungen in zahlreichen Schulversuchen zum Gemeinsamen Unterricht (GU) gemacht, die wissenschaftlich ausgewertet worden sind.

Die Ängste von Lehrern und Eltern, dass das gemeinsame Lernen so unterschiedlicher Schüler und Schülerinnen für die Lernentwicklung der Schüler ohne Behinderungen lernbeeinträchtigend oder lernschädlich sein könnte, sind in allen Forschungsstudien über den GU sehr ernst genommen worden. Sie sind in keiner der zahlreichen Forschungen verifiziert worden.

 Es gibt keine Anhaltspunkte für Nachteile, höchstens Hinweise auf Vorteile, die nachfolgend kurz skizziert werden:

 1. Vorteile ergeben sich aus der Anwesenheit des Sonderpädagogen als zweiten Pädagogen im Klassenzimmer und als Kooperationspartner für den Klassen- oder Fachlehrer. Auch wenn dies nicht in allen Unterrichtsstunden gewährleistet ist, so kann doch allen Schülern und Schülerinnen mehr pädagogische Unterstützung angeboten werden.

 2. Die größere Heterogenität und Vielfalt erzwingt eine Abkehr von der Dominanz eines fast ausschließlich gleichschrittigen Lernens aller, das an die Person des einzelnen Lehrers gebundenen ist und von ihm gesteuert wird. Gleichschrittigkeit im Frontalunterricht ist ein ausgesprochen anstrengendes Verfahren für den Lehrer, bei dem viele Schüler passiv bleiben oder geistig abwesend sind oder Störungen produzieren, weil sie sich nicht angesprochen und gefordert fühlen.

 3. Die Vielfalt der Schüler und Schülerinnen macht die gezielte Anwendung und den geplanten Gebrauch offener Lernformen notwendig, die ein lernzieldifferenziertes und individualisiertes Arbeiten der Schüler an gleichen oder unterschiedlichen Aufgaben ermöglichen. Dabei werden die einzelnen zu größtmöglicher Lernaktivität und Selbstständigkeit herausgefordert, während der Lehrer Zeit hat, sich gezielt denen zuzuwenden, die Hilfen brauchen, Fragen haben oder eine Rückmeldung wollen.

 4. Die Unterschiedlichkeit der Schüler schafft einen Anregungsreichtum, der im Erleben der unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse und im Bearbeiten von Konflikten einen unschätzbaren Wert für die Persönlichkeitsentwicklung darstellt. Werte wie Toleranz, Hilfsbereitschaft, Empathie, Solidarität und moralische Urteilsfähigkeit können nicht auf dem Trockenen eingeübt werden. Wie sollen Menschen die Menschenrechte von Gruppen achten und sich aktiv dafür einsetzen, wenn sie mit ihnen nie in Kontakt gekommen sind?

 5. Die Unterschiedlichkeit kann aber auch gezielt lernförderlich wirken, wenn Schüler/innen in Partner- und Gruppenarbeit ihren Mitschülern erklären, was sie selber verstanden haben. Am meisten lernen Schüler nicht beim Büffeln für einen Test. Das Erklären für andere erhöht die eigene Denkleistung und das Ausmaß des Behaltens.

 Man kann sagen, im Gemeinsamen Unterricht wird das gebraucht, was aus wissenschaftlicher Sicht heute guten Unterricht ausmacht. Dieser setzt immer die Anerkennung der Person des Lernenden sowie die Anerkennung des Lernens als individuellen und sozialen Aneignungsprozess voraus.

Umgekehrt ist nachzufragen, was denn unser jetziges gegliedertes Schulsystem so erhaltenswert macht. Es hängt Hauptschüler und Förderschüler ab und lässt sie als absolute Bildungsverlierer und gesellschaftlich Ausgegrenzte zurück. Es verhilft auch den Schülern des Gymnasiums nur zu mittelmäßigen Leistungen. Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass immer mehr Studien die volkswirtschaftlichen Kosten der Bildungsarmut berechnen. Eine brandneue Studie des IFO-Instituts in München trägt den Titel „Was unzureichende Bildung kostet“. Die volkswirtschaftlichen Kosten sind demnach gewaltig. Bis zum Jahr 2090 bewegen sie sich in der Größenordnung von geschätzten 2,8 Billionen Euro. Das könnten spiegelbildlich die volkswirtschaftlichen Erträge einer Bildungsreform sein, die die unzureichende Bildung drastisch reduziert. Als geeignete Maßnahmen nennt das Wirtschaftsinstitut neben der frühen Förderung von Kindern die Verlängerung des gemeinsamen Lernens.

 

 Zusammengefasst lassen sich die Vorteile

und die Leistungen

der inklusiven Bildung

in „einer Schule für alle“

stichwortartig so darstellen:

 

 • Vermeidung einer frühen Festlegung der Bildungslaufbahn nach sozialer Herkunft

• Abbau sozialer Chancenungleichheit

• Bekämpfung von Bildungsarmut und sozialer Exklusion

• Ausschöpfung aller Begabungspotentiale

• Stärkenorientierte Pädagogik anstelle der Defizitpädagogik

• Stärkung der Selbstachtung und der Würde bei Lernenden und Lehrenden

• Achtung der Menschenrechte anderer

• Humanisierung und Demokratisierung des Lernens und Lebens.

 

In Hamburg wehrt sich die schon erwähnte Elterninitiative mit dem Schlachtruf „Wir wollen lernen“ gegen die Einführung der sechsjährigen Primarschule und gegen das neue Übergangsverfahren, das den Primarschulen die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg der Kinder zur Stadtteilschule oder zum Gymnasium überantwortet. Die Initiative hat die Hürde des Volksbegehrens locker geschafft und es verstanden, große Teile der Hamburger Bevölkerung für die gymnasialen Interessen zu mobilisieren.

Der Slogan „Wir wollen lernen“ bedeutet im Klartext:

Wir wollen ohne euch lernen.

Ohne die Kinder, die bislang schon nach Klasse 4 auf die anderen gegliederten Schulformen aufgeteilt wurden. Und er bedeutet auch: Wir wollen unseren eigenen Bildungsstatus an unsere Kinder vererben. Hier prallt selbst die „kleine Lösung“ einer sechsjährigen Grundschule auf eine Mauer des Widerstands. Nehmen wir andere großstädtische Ballungsräume wie Berlin. Kreuzberg ist als Kiez für viele wegen seiner Multi-Kulti-Atmosphäre als Wohngegend attraktiv. Eltern mit Bildungsambitionen für ihr Kind wechseln aber den Stadtteil, sobald ihr Kind eingeschult werden muss, weil sie vermeiden möchten, dass ihr Kind in Schulen mit einem hohen Migrantenanteil oder einem hohen Anteil von Sozialgeldbeziehern lernt. Die inzwischen übliche Aufhebung der Schulbezirksgrenzen begünstigt eine segregative Schulentwicklung. Es bedarf nicht einmal mehr des Umzugs, um die gewünschte Schule zu erreichen. In dem erstarkten Interesse an Privatschulen drückt sich nicht nur der Wunsch nach reformorientierten Schulen aus. Hinter dieser Präferenz verbirgt sich auch der starke Wunsch nach einem exklusiven Bildungsangebot, das man nicht mit jedem teilen will.

 Milieustudien beobachten in den letzten Jahren ein deutliches Auseinanderdriften der Milieus sowohl in räumlicher als auch in kultureller Hinsicht. Deutschland scheint auf dem Weg in eine neue Art von Klassengesellschaft zu sein, wobei die Trennungslinie eben nicht nur über Einkommen und Vermögen, sondern auch über kulturelle Dimensionen wie etwa Bildungskapital und Bildungsaspirationen, aber auch Werte und Alltagsästhetik verläuft.

 Unterstützung findet diese Entwicklung durch den gesellschaftlich erstarkten Diskurs der Ungleichheit, für den z. B. der Rechtspopulist Sloterdijk steht. Er vertritt die These, dass heute die „Unproduktiven“ unmittelbar auf Kosten der „Produktiven“ leben. Er fordert zum Zeitpunkt der schwarzgelben Koalition ein „neues Manifest der Leistungsträger“. Generelle Zustimmung für ein höheres Maß an Ungleichheit finden solche Thesen bei den von Abstiegsängsten geplagten Mittelschichten.

Die Politiker bedienen diese Wünsche mit der zweigliedrigen Schulstruktur, wobei über das Gymnasium die Milieus der Ober- und Mittelschicht sich sowohl Bildungsprivilegien sichern als auch Wünsche nach einer sozialen Trennung vom unteren Rand der Gesellschaft realisieren wollen. Die Zweigliedrigkeit ist ebenso wenig wie die Dreigliedrigkeit ein demokratisches Schulmodell. Sie ist eine Modernisierung des alten, ständisch begründeten dreigliedrigen Schulsystems. Sie ist Abbild einer neuen Klassengesellschaft.

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen stärkt hingegen die demokratische Bewegung für „eine Schule für alle“. Diese bekommt von ihr starke politische Impulse. Es kommt jetzt darauf an, dass Elterninitiativen, unterschiedlichste Sozial- und Lehrerverbände, Gewerkschaften und Kirchen sich vernetzen und gemeinsam organisieren, auch mit den Vertretern der Studierenden und der Schüler, die in dem Bildungsstreik wichtige Zeichen gesetzt und die Bildungspolitikkritisch herausgefordert haben.

 Wir können es uns unter gar keinen Umständen leisten, einen so großen Teil von Kindern und Jugendlichen ins Abseits zu stellen. Bildung ist zum Schlüsselfaktor für gesellschaftlichen Zusammenhalt geworden. Sie darf in unserer Zeit nicht mehr als Privileg bestimmter Schichten verstanden werden.

 Prof. Vierlinger, ehemaliger Direktor der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz und ehemaliger Ordinarius für Schulpolitik an der Universität in Passau, begründet in seiner neuesten Buchveröffentlichung „Steckbrief Gesamtschule“ die Schule für alle mit der Feststellung: „Die drängenden Probleme unserer Zeit – von der Neuverteilung der Arbeit und des Reichtums bis zu den Fragen der Ökologie und vom kritischen Umgang mit den Medien bis zur Haltung gegenüber den Fremden – können nur bewältigt werden, wenn die Jugend zum Miteinander, zur gegenseitigen Achtung und zum Verständnis füreinander erzogen wird und nicht zur Ab- und Ausgrenzung.“

 Vierlinger fordert, dass ein halbes Jahrhundert nach dem revolutionären Urteil des Obersten Gerichtshofes der USA gegen die Rassentrennung in den Schulen unsere zuständigen Parlamente die Trennung unserer Schüler und Schülerinnen nach Leistung und Herkunft endlich gesetzlich verbieten.

 Wie wäre es, wenn wir den Mut hätten, das dreigliedrige und zweigliedrige System ab sofort öffentlich als ein Apartheid-System zu bezeichnen. Und zwar ungeachtet der Verwicklung in eigene Widersprüche, die sich vielleicht darin zeigen, dass das eigene Kind auch das Gymnasium anstelle einer Gesamtschule besucht.

 Wie wäre es, wenn wir den Mut aufbrächten, den ideologischen Kampf gegen „eine Schule für alle“ und die Verteufelung des einheitlichen Schulsystems als Klassenkampf „von oben“ zu bezeichnen, weil er gegen die Interessen der unteren Schichten und auf die Privilegien der oberen Schichten ausgerichtet ist.

 

 
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